Übers Liegenbleiben

erschienen im SWR2

Ich habe einen kleinen Braun-Wecker, der nie klingelt. Ich sehe ihn einfach nur gern an. Er ist sehr hübsch und so schön analog, auf ihm sind zwölf Stunden im Kreis angeordnet und ob es grad drei Uhr nachts oder drei Uhr nachmittag ist, bleibt Interpretationssache. Er steht neben meinem Bett zwischen einigen Bücherstapeln und ich sehe ihn immer erst an, nachdem ich geraten habe, wie spät es wohl sein mag. Ich schlafe jeden Tag, bis ich von selbst aufwache. Ich bleibe dann liegen und starre die Gardinen an, durch die diffus das Licht fällt. Die Gardinen halten mir nach dem Aufwachen noch ein wenig die Welt vom Leib, das gefällt mir. Es ist immer hell, wenn ich aufwache, längst hell, denn ich wache selten vor elf Uhr auf, manchmal erst um eins oder halb zwei. Ich liege da und rate die Uhrzeit. Ich rate die Farbe des Himmels. Ich rate überhaupt, was hinter meinen Gardinen ist. Es könnte ein tosendes Meer sein, es könnte eine Marslandschaft sein, vier Giraffen in Form eines Hundes oder ein riesenhafter nackter Fuß, der beweisen würde, dass ich nur ein Silberfisch auf dem Badfußboden von Riesenmenschen bin. Aber vielleicht ist hinter der Gardine auch nur das, was neulich schon da war, Straße, Häuser, Menschen, Trambahn, und sowas, alles klar und stabil zu betrachten. Das würde dann dafür sprechen, dass ich tatsächlich das bin, was ich erfahrungsgemäß als „wach“ bezeichnen würde, wobei ich natürlich auch schon Träume hatte, in denen alles wie ganz echt schien, alles klar und stabil, und dann gab es aber doch noch ein zweites Erwachen, eines, das noch echter war als das geträumte.

Ich liebe es, die Tage extrem langsam zu beginnen. Es nicht zu können macht mich fertig. Ich habe es ausprobiert. Ich musste es 13 Schuljahre lang ausprobieren und die letzten davon habe ich es schon nicht mehr ausgehalten und mir damit sehr viel Ärger eingehandelt. In der Schule ist, wie ja auch in vielen Jobs, kein Platz für Menschen, die schlafen wollen, bis sie von selbst aufwachen. Ich habe mir deshalb damals in Großbuchstaben auf den inneren Berufswunsch-Zettel notiert: UNBEDINGT BERUF FINDEN, IN DEM MAN AUSSCHLAFEN DARF BEZIEHUNGSWEISE NICHT JEDEN TAG IRGENDWOHIN MUSS.

Es gefällt mir, dazuliegen und Gedanken zu denken wie: Was ist eigentlich draußen passiert, während ich geschlafen habe? Was würde ich lesen, wenn ich Twitter öffnete, oder eine Nachrichtenseite? Angenommen, eine Stadt wie Köln existierte plötzlich nicht mehr, würde ich hier, mehr als 400 Kilometer entfernt, davon etwas mitbekommen? Wann sind Nachrichten so groß, dass man sie bei geschlossenen oder höchstens gekippten Fenstern, nicht überhören kann?

Manchmal lese ich mich noch im Bett liegend in einem Buch fest. Zum Beispiel in einem von Kafka. Der schreibt in „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ etwas, das mich in meinem Stuben- beziehungsweise Betthockertum sehr unterstützt. Er schreibt: „Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Hause gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden.“

Bevor ich aufstehe, sage ich mir, dass ich noch weitere drei, vier Stunden nichts tun muss. Ich muss nur Kaffee machen, denn auf Kaffee habe ich Lust, und dann muss ich mit meinem Kaffee am Fenster sitzen und mich ungeachtet jeder Uhrzeit hemmungslos wachglotzen. Das ist eine der besten Sachen, die es überhaupt auf der Welt gibt: Rausglotzen und dabei wach werden. Menschen auf der Straße anschauen, die schon sechs Stunden gearbeitet haben, vielleicht gleich Schichtwechsel haben, Menschen, die ihre Kinder schon von der Schule abgeholt haben, Gemüsehändler, die heute auf dem Großmarkt schon um Bananen gefeilscht haben, als ich gerade erst schlafen ging.

Manchmal allerdings macht es mir auch Angst. Wahnsinnig viel Ruhe zu brauchen, Zeit zum Nur-Da-Sein und Glotzen, das ist ja nicht besonders gesellschaftsfähig und manchmal fürchte ich, dass das alles nur der Anfang einer Abwärtsspirale in Zeitlupe ist und ich es erst merke, wenn es zu spät ist. Was, wenn ich ganz allmählich verwahrlose? War gestern vielleicht endgültig der letzte Tag meines Lebens als mehr oder weniger anständige, gesellschaftsfähige Person? Noch sieht mein Zimmer ganz gut aus, noch rieche ich nicht merkwürdig. Aber wie lange geht das, wann kippt das? Nach wie vielen Tagen kommt der Gerichtsvollzieher? Oder ist das wie die Frage, ob man mit 70 automatisch anfängt, Seniorenbeige zu tragen, also: überflüssig, weil es wahrscheinlich einfach Typsache ist? Ich werde kein Seniorenbeige tragen, niemals. Glaube ich. Und ich werde auch nicht verwahrlosen, niemals. Glaube ich. Aber weiß man’s? Woher weiß man’s? Wenn man nicht mal weiß, was der Unterschied zwischen Wachen und Träumen ist?

Ich weiß noch nicht, was ich heute mache. Es gibt viele Möglichkeiten. Mehr und weniger Dringendes. Es liegt alles noch völlig unsortiert vor mir. Später werde ich es in Angriff nehmen. Später, allerspätestens ab fünf. Vielleicht nach dem Duschen. Oder Baden.

So ist das bei mir: Mein Tag spielt zur Hälfte in der Nacht. Nicht, weil ich nachts ausgehe. Sondern, weil ich nachts gern allein in meiner Wohnung sitze und ganz bei mir bin. Nachts schwindet die Nervosität. Nachts kann ich konzentriert arbeiten. Arbeiten heißt schreiben, Gedanken notieren, Ideen entwickeln. Furchtloser sein als am Tag. Zeit haben, die die anderen nicht haben, weil sie schlafen. Ich mag es, in dieser Zeit alles aufzuholen, was ich am Tag nicht gemacht habe und mich danach wahnsinnig produktiv zu fühlen. Das ist eine Milchmädchenrechnung, aber ich mag Milchmädchenrechnungen. Und ich mag Schlaf.

Manchmal denke ich sogar, ich mag Schlaf mehr als Wachsein. Vielleicht ist mein allerliebster Daseinszustand der Dämmerschlaf, dieser warme, halbbewusste Dämmerschlaf, in dem mein Gehirn zu müde ist für komplizierte Gedanken, zu müde für Angst und Grübeleien, aber noch wach genug, sich darin zu ergehen, wie gut es mir gerade geht. Dass ich einfach nur liegen darf, wie ein kleines warmes Vögelchen in einem Federnest, das keine andere Aufgabe hat, als sich in der Nestwärme zu wiegen. Ich denke dann nicht mehr darüber nach, dass die Abwärtsspirale jeder Zeit von mir Besitz ergreifen könnte. Außerdem, von wem kann sie das nicht? Man weiß nie, als wer oder was sich die Abwärtsspirale verkleidet und wann sie an der Tür klingelt. Und wenn schon. Vielleicht war dann ja sowieso alles nur ein Traum.