erschienen auf jetzt.de

Ich bin für eine neue Emanzipations-Bewegung. Sie heißt: Ohne Handtasche in die Öffentlichkeit gehen. Mag gaga klingen, aber was soll man tun, wenn alles Radikale schon einmal da gewesen ist? Mit BH-Verbrennungen und Pussy-Riot-Gebärden muss man heute niemandem mehr kommen. Im Jahr 2017 muss man zum Feinwerkzeug greifen, um ein Statement zu setzen. Man muss die Kunst der subtilen Rebellion beherrschen, man muss Eindruck machen, ohne Aufsehen zu erregen, man muss das, was man erreichen will, scheinbar mühelos aus dem Ärmel schütteln. Zum Beispiel Portemonnaie, Mobiltelefon, Lippenstift und drei Tampons. Weg mit der Damen-Handtasche also. Oder zumindest mit ihrem übermäßigem Gebrauch.

Die Frau und ihre Handtasche sind sowieso zu einem schlechten Witz verkommen. Höhö, Frauen und Handtaschen, witzelt man vor sich hin und meint damit sowas wie: was da alles für ein betulicher Tantenscheiß drin ist, und hat leider Recht. Kein Mensch braucht all das Zeug, was in Damen-Handtaschen gehortet wird. Laptoptaschengroße Portemonnaies, sieben Lippen- und drei Lippenpflegestifte, zweieinhalb Packungen Taschentücher, eine riesige Extrawhite-Klimperdose mit 480 Kaugummis drin, Notizbuch und mehrere Stifte, eine alte Zeitung, sieben Flyer, Tampons, Stadtpläne, leere Batterien, Kassenbons von vorletztem Jahr und vielleicht noch eine Stehlampe wie bei Mary Poppins, wundern würde es einen nicht.

Leider hört die Modeindustrie trotzdem nicht auf, munter das Zubehör für dieses Klischee zu produzieren. Besserung ist nicht in Sicht. Man muss sich nur einmal im Kaufhaus umsehen: Die Handtaschen und Portemonnaies für Frauen werden immer größer, eine IKEA-Tasche kommt einem dagegen schon gar nicht mehr groß vor. Die Taschen an Damenhosen oder –hemden hingegen werden immer kleiner, falls sie überhaupt noch als Taschen funktionieren und nicht gleich als Taschenillusion aufgebügelt sind.

Es ist etwas sehr Demütigendes, eine Hose mit zu kleinen Taschen zu tragen
Dazu muss gesagt werden: Es ist etwas sehr Demütigendes, eine Hose mit zu kleinen Taschen zu tragen. Nicht nur sieht ausnahmslos jeder Hintern in Hosen mit kleinen Taschen völlig daneben, weil völlig fehlproportioniert, aus. Auch ist es eine Gemeinheit, dem Verbraucher Vordertaschen zu präsentieren, in die in Wahrheit nur die Fingerkuppen reinpassen. Das Gefühl in eine solche Sackgasse zu greifen, kommt einer Frustration gleich, die einen so nur in schlechten Träumen überkommt, in denen man losrennen will, aber nicht kann. Es hat etwas von Willensfreiheit-Amputation. Nur es ist ja kein Traum. Zu kleine Taschen an Frauenmode sind Realität. Man weiß das und zieht beschämt die Hände wieder aus den Sackgassen-Taschen. Ist halt nicht vorgesehen. Entwürdigend! Und weil nichts in die Hosentaschen passt, bedarf es wiederum einer Handtasche. Ein Teufelskreis. Und kein besonders neues Problem. Im Internet findet man Memes, die sich über zu kleine Hosentaschen bei Frauen beschweren. Man findet eine Beschwerde darüber, dass iPhones nicht in weibliche Hosentaschen passen und man findet eine kleine Kulturgeschichte der sexistischen Taschenpolitik.

Ja, es ist schlimm. Ob irgendwo ein großer Sexistenschurke vom Typ Mr. Burns an einem großen Hebel sitzt und der Modeindustrie befiehlt, Frauen fürs praktische Leben möglichst unvorteilhaft auszustatten, weiß man nicht. Möglicherweise ist das Problem etwas komplexer.

Tatsache ist: Man muss so nicht leben. Man kann es auch anders machen. Eine EC-Karte, möglicherweise drei Tampons, möglicherweise einen Lippenstift, den Haustürschlüssel und das Handy kriegt man auch ohne Tasche unter. Immer. Wer den Fehler gemacht hat, zu selten Hosen oder Hemden in der Männerabteilung oder bei Designern mit Ausnahmekompetenz in Sachen aufgenähter Taschen für Damenmode zu kaufen, muss sich halt auf ein paar alte Nightlife-Skills besinnen. Beim Ausgehen hat man es schließlich auch schon geschafft, BH, Socken oder Schuhe zu Stauraum umzufunkionieren.

Wer das albern findet, dem sei gesagt: Es lohnt sich. Ohne Handtasche hat man freie Hand. Man fühlt sich so frei und verrucht wie ein streunender Cowboy, der nirgends hingehört und überall nur mal vorbeischaut. Auch super ist ohne Handtasche ins Büro zu gehen. Hat eine Wahnsinns-Nonchalance. Man fühlt sich glatt wie im Urlaub. Ohne Handtasche kann man sich auch sehr gut als jemand ausgeben, der man nicht ist. In Geschäften zum Beispiel wird man ohne Handtasche regelmäßig für eine Verkäuferin gehalten. Weibliche Kunden ohne Handtaschen, so etwas gibt es im öffentlichen Raum anscheinend nicht. Man kann das ausnutzen und den Leuten dann munter ein paar schöne Hemden empfehlen und Sachen sagen wie: „Nehmen Sie doch lieber eines mit großen Taschen. Oder schauen Sie mal in die Männerabteilung, da sind die Hosen besser.“

Achso und nein, Rucksäcke lösen das Problem nicht. Es ist wahr, dass Rucksäcke alltagstauglicher sind als Handtaschen. Lasten auf den Schultern trägt man trotzdem. Hinzu kommt: Wer nicht zu den 0,3% der Weltbevölkerung gehört, die mit modischer Hochbegabung auf die Welt gekommen ist, sieht mit Rucksack wahlweise aus wie ein Kindergartenkind, ein IT-Nerd von 2003 oder eine Rentnerin auf Städtetour – und das waren ja erst die offensichtlichsten aus der Hitlist der deprimierendsten Rucksacklooks aller Zeiten.

Warum genau das lächerliche Weglassen einer Handtasche so viel innere Freiheit bewirkt? Eine gute Frage. Es könnte etwas damit zu tun haben, dass selbstbewusste Posen tatsächlich einen selbstbewussten Geist provozieren. Die Professorin Amy Cuddy von der Harvard Business School schreibt in ihrem Buch „Dein Körper spricht für dich“, dass die Einstellung eines Menschen sich aus seinem Verhalten ergibt, und damit ist vor allem sein körperliches Verhalten gemeint. Das Einnehmen von Machtposen beeinflusst unser Gehirn. Sie schlägt vor, in unsicheren Momenten gewisse als besonders souverän geltende Körperpositionen einzunehmen, um die innere Haltung positiv zu beeinflussen. Ohne Handtasche aus dem Haus zu gehen, ist definitiv eine solche Power-Pose. Wer nicht dauernd Lasten auf seinen Schultern trägt, der geht nicht, sondern der flaniert. Und wer flanieren kann, dem kann eh schon nichts mehr passieren im Leben. Also fast.