Drückerkolonnen

Klingeltafeln sind eines der schönsten Stadtphänomene überhaupt. Liest man, was auf ihnen steht, entstehen dazu sofort Geschichten im eigenen Kopf. Eine Liebeserklärung.

erschienen in der SZ

Klingelschilder zu lesen, ohne eine bestimmte Person aufsuchen zu wollen, ist eine ähnlich sinnfreie Angelegenheit wie in Telefonbüchern zu blättern, ohne jemanden anrufen zu wollen. Aber es hat etwas sehr Poetisches, einfach auf dem Gehweg stehen zu bleiben und die Namen auf den Tafeln zu überfliegen. Man fühlt sich dabei, als sei man einem Geheimnis auf der Spur, einer verborgenen Wahrheit über die Logik der Stadt, in der man lebt. Hier wohnen sie also, hier wohnen die, von denen man sagt, sie seien „die Bürger“, „die Münchner“ oder „die Menschen dieser Stadt“. Hier, nur wenige Stockwerke entfernt, sind all jene ganz bei sich, die man sonst ja nur in den Trams und Bussen und Bahnen sitzen und irgendwohin fahren sieht. All jene, die vor dem Wurstregal im Tengelmann stehen und sich nicht entscheiden können, oder jene, die im Sommer am Eisbach sitzen und sich mit einer Hand den Rücken einzucremen versuchen.

Natürlich kennt man selten einen Namen, den man da liest. Und selbst wenn, dann weiß man eben doch nie genau, ob es sich bei diesem Namen wirklich um jenen handelt, den man dahinter vermutet. Dennoch ist man stets bereit, so etwas auszurufen wie: „Ha, hier wohnt also der Dübel!“, ganz egal, ob man weiß, wer der Dübel wirklich ist und warum man ihn gesucht haben sollte und ob es nicht vielleicht eine Frau Dübel ist oder eine ganze Familie Dübel oder zwei Schwestern Dübel.

Aus der vagen Ahnung eines völlig fremden Lebens entsteht eben sofort eine sehr konkrete Fantasie darüber, was sich hinter dieser verblichenen Gravur oder dem halb abgerupften Aufkleber mit der flüchtigen Kugelschreiberschrift verbergen könnte. Man malt sich aus, welche Sorgen und Zweifel und geheimen Leidenschaften hier wohl jeden Tag über die Türschwelle getragen werden. Man freut sich über die Erkenntnis, dass auch Christine Kube aus dem fünften Stock wohl einmal ihre Möbel durch diese Tür getragen haben muss. Vielleicht ist die fette Schramme da oben rechts im Türrahmen ja von ihrem roten Sofa, das sie von der verstorbenen Tante geerbt hat und nur mithilfe von drei Freunden ohne Aufzug nach ganz oben bugsieren konnte.

Und vielleicht ist das schon sieben Jahre her und mittlerweile gibt es das Sofa gar nicht mehr, weil jemand draufgekotzt hat in einer wilden Nacht. Und dann hat diese fiktive Christine es am nächsten Morgen, noch total verkatert, vielleicht zusammen mit ihrem neuen Freund einfach vom Balkon geschmissen, wo es, schon ganz morsch geworden, in mehrere Einzelteile zerbrach und nicht mal zum Wertstoffhof gefahren werden musste, weil es derart zerborsten einfach in den Müllcontainer passte. Und irgendwann sieht man in jedem Hauseingang die Geister der dort Wohnenden. Das ist schön.

Am schönsten sind aber eigentlich die Schilder, die aus dem Raster fallen. Das Wohnhaus, in dem die drei einzigen Bewohner denselben Nachnamen und offenbar jeweils eine ganze Etage für sich zu haben scheinen, weil alle übrigen möglichen Klingelschilder leer bleiben. Was ist das für eine seltsam eingeschworene Familien-Gang? Oder das Haus, in dem über dem regulären Sammelklingelschild noch ein „Kleiner Bruder“ mit ganz eigener Klingel lebt – wie klein ist der wohl noch nach all den Jahren? Und wo leben die großen Brüder? Oder wohnt hier am Ende gar ein Herr Kleiner mit einer Frau Bruder?

Und wie oft in der Nacht klingelt wohl jemand bei Frau Licht, die im Erdgeschoss wohnt und deren Klingelknopf jeder mit dem Lichtschalter verwechselt? Noch verwirrender: die Namen oder Bezeichnungen Glocke und Licht untereinander. Da bleibt doch nur Spekulation.

Oder natürlich solche Tafeln, die völlig verwildert sind. Bei denen offenbar kein penibler Hausverwalter darüber wacht, dass auch ja alle Namensschilder sachgemäß angebracht und wieder abgenommen werden. Häuser, die wirken, als befänden sie sich seit Jahrzehnten in den Händen fluktuierender WGs. Keiner weiß mehr, wer eigentlich mal zuerst da war. Die Namen einiger Bewohner tauchen niemals auf, andere wurden dafür wohl über die Jahre vergessen und nie entfernt, obwohl ihr Besitzer hier nur zwei Monate lebte.

Fängt man einmal damit an, von Haus zu Haus zu gehen und die Klingelschilder zu lesen, kann das süchtig machen. Man sucht und sucht und sucht nach Namen und weiß nie genau, nach welchem und warum eigentlich.

Mit dem Fantasieren über Klingelschilder kann man deshalb tatsächlich ganze Tage zubringen, ohne sich zu langweilen. Weil: Wen interessiert denn bitte nicht, wie der Doppelname Guth-Holz entstanden ist? Tatsächlich durch Hochzeit? Oder doch die andere Möglichkeit: Dass der Name nur ausgedacht ist und sich in Wirklichkeit dahinter zum Beispiel ein Massagestudio der anderen Art befindet, das man nur über die Kleinanzeigen der Zeitungen findet.

Oh, und noch etwas: das eigene Klingelschild! Wie man auch davor manchmal stehen bleibt und sich fragt, wie lange das da wohl noch stehen wird. Wo es einen selbst und damit den Schriftzug eines Tages hinverschlagen wird. Und was für eine persönliche Dimension es entwickelt, in einer Stadt, in der man mal gelebt hat, Jahre später noch mal ans alte Klingelschild zu treten und festzustellen, dass sich dort jetzt jemand anderes ganz und gar aktuell und einzigartig fühlt mit der Adresse, die mal die eigene war. Oder aber, vielleicht sogar noch persönlicher: Festzustellen, dass der eigene Name dort noch immer an der Tür steht.