Wenn das Licht angeht

Die Party ist vorbei und die Stadt wie in Watte verpackt: Kurz vor dem Sonnenaufgang bündelt sich die ganze Poesie einer Nacht. Ein Rundgang in München.

erschienen in der SZ

Das Schöne an den Morgenstunden nach dem Ausgehen ist, dass sie so zeitlos sind. Der alte Tag ist längst vorbei und der nächste Tag hat noch nicht begonnen; er beginnt ja erst, nachdem man geschlafen hat. Die einzelnen Stunden liegen jetzt so dehnbar und pflichtbefreit vor einem wie sonst nur auf einem Langstreckenflug oder während der Zeitumstellung.

Die, die im Morgengrauen schon arbeiten müssen, sind Protagonisten einer Parallelwelt und man selbst ist wie aus dem Off dabei, eine Art Spieler in einer virtuellen Welt, in der man nichts zu verlieren hat. Die Stadt zeigt sich einem von ihrer intimen Seite und ausnahmsweise ist man ein klein bisschen mehr allein mit ihr als sonst, weil all die anderen schon schlafen.

Es ist jetzt alles erlaubt, denn es guckt kaum noch jemand zu, und selbst wenn: Der ausklingende Rausch schützt einen vor der Scham vor eventuell Gewesenem oder noch zu Passierendem. Oft sind diese Stunden deshalb auch am nächsten Tag halb vergessen, verwaschen und unvollständig erinnerbar wie ein seltsam echter Traum, von dem man sich nicht sicher ist, ob es ihn wirklich gab oder ob er doch nur Teil des Rausches war. Die erinnerten Geschehnisse sorgen vielleicht für späte Scham, vielleicht für ein paar Lacher, die dann Kopfweh machen wegen des Katers.

Klar ist: Auch wenn man sich schwört, das nächste Mal früher nach Hause zu gehen – er wird wieder kommen, der Moment, in dem es plötzlich hell ist, wenn man nach dem Tanzen auf die Straße tritt. Wenn sich alles wie in Watte gepackt anfühlt nach all der lauten Musik. Die Hauswände haben plötzlich wieder eine Struktur, der Asphalt schmutzige Flecken und die Schuhe auch. Der Himmel flimmert ein bisschen, wenn man versucht hineinzugucken, und in den Straßen duften schon die Brötchenschwaden. Das letzte Bier vom Kiosk schmeckt nicht mehr, Spezi wäre jetzt besser, ein Kaffee vielleicht, oder auch einfach nur ein Bett.

Zu dieser Geschichte gehören vor allem Fotos, und zu denen geht's hier.